Initiativen

Bauen und Wohnen im Bestand

Stuttgart: Zweihaus

Mit dem "Zweihaus" entstand im Stuttgarter Stadtteil Feuerbach ein bemerkenswertes Stück moderner Architektur für zwei Familien, das die Kubatur und den städtebaulichen Kontext eines leerstehenden Fachwerkhauses aufgreift. Durch geschickte Ausnutzung des Grundstücks und bauliche Verschränkung der Wohnbereiche profitieren beide Parteien von den Lagevorteilen mit Garten, Ausblick und Anbindung.

Preisträger des Landeswettbewerbs Bauen und Wohnen im Bestand

Zusammenfassung

Die individuellen Bedürfnisse zweier Familien gerecht unter einem Dach zu vereinen war die Zielsetzung des Projekts „Zweihaus“. Die Kubatur des ehemaligen Bauernhauses im historischen Zentrum von Stuttgart-Feuerbach wurde den Wünschen der zukünftigen Nutzer entsprechend angepasst. Ziel war es, darin die Annehmlichkeiten und Vorzüge eines Doppelhauses zu verwirklichen, ohne die äußere Erscheinung im urbanen Kontext zu isolieren. Die Lösung war eine verschachtelte Darstellung der inneren Organisation mit besonderen Raumkonstellationen und -bezügen.

Ausgangslage

Mitten in der Landeshauptstadt Stuttgart sind allseits bezahlbare Grundstücke fürs Wohnen eine Rarität. Dadurch bleibt häufig nur die Nutzung bestehender Substanz, die oft gerade für junge Familien nach heutigem Ermessen nicht oder nur ungenügend geeignet ist. Gleichzeitig bietet aber die zum großen Teil noch intakte Infrastruktur der Innenstädte ein ideales und attraktives Wohnumfeld.

Das Projekt in der Forsthausstraße in Stuttgart Feuerbach kopiert das Volumen eines zuvor abgerissenen Fachwerkhauses. Dieses Haus, so charmant es erscheinen mochte, war mit einer durchschnittlichen Raumhöhe von 2,05 m und einem großen Stall nicht das geeignete Objekt für zwei Familien. Die Lage aber, mit Schulen und Kindergärten um die Ecke und vielfältigen Einkaufsmöglichkeiten in der Nachbarschaft, bewog dennoch zum Kauf, um den Altbau abzureißen und auf dem Grundstück einen Neubau zu errichten. Um der Denkmalpflege gerecht werden, wurde das neue Gebäude als „Kopie“ des alten konzipiert. Das Alte mit dem Neuen verquicken, die Stadtstruktur erhalten und trotzdem zeitgemäßes Wohnen ermöglichen waren die Ziele der beiden jungen Familien, die dieses Experiment im Zentrum Feuerbachs gewagt haben.

In der Kubatur eines alten Hauses ein neues zu schaffen, das zudem den heutigen Anforderungen an das Wohnen genügt, scheint schnell an Grenzen zu stoßen. Das abgebrochene Gebäude war neben seinen niedrigen Geschosshöhen geprägt von sehr kleinen Fensteröffnungen und einer teilweise stark schadhaften Bausubstanz. Es war daher auch immer nur zeitweise bewohnt.

Massnahmen

Für zwei Familien bestand der Wunsch, mitten in der Stadt zu leben, zwei getrennte Häuser im Sinne eines Doppelhauses zu besitzen, eine Gleichwertigkeit der Hälften zu erzielen und großzügige Wohnungen mit entsprechenden Raumhöhen zu planen. Die Lösung lag in der Verschränkung der beiden Wohnungen, die sich umeinander winden und verschlingen, aber jedem gleichberechtigt Zugang zu Garten, Licht und Ausblick bieten sowie über eine spannende Raumfolge und einen eigenen Hauseingang verfügen.

Durch Ausnutzung des Geländeverlaufs entstanden unterschiedlichste Raumhöhen: Es gibt keine durchgehenden Ebenen, sondern Höhenversätze und Durchblicke zwischen den Ebenen. So konnte zwei großzügige Wohnungen in einem sehr kompakten Volumen untergebracht werden. Dieses spannende Innenleben zeichnet sich in der Fassade durch die Anordnung der Fenster ab, die zugleich ganz bewusst als "Bilderrahmen" für den Blick nach außen gedacht sind. Jedes Fenster bekam ein Motiv: Sei es der Blick in die Gasse, auf die Kirche, den Kirchhof oder einfach in die Bäume.

Da das "Zweihaus" in der gleichen Kubatur wie das Bestandsgebäude errichtet wurde, bleibt die Situation der kleinen Platzfolge vor der Stadtkirche Feuerbach erhalten. Gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Pfarrhaus bildet es ein Gelenk zwischen den zwei kleinen Plätzen. Das Haus ist gleichzeitig der Schlusspunkt und das umlenkende Element am oberen Ende der Forsthausstraße. Es führt mit der massiven Stützmauer des Kirchhofes, deren Farbe es in der Fassadengestaltung übernahm, einen Dialog. Damit wird eine ablesbare Verbindung zwischen den beiden Straßenseiten geschaffen. In der Höhenentwicklung nimmt es die Maße der Einzelgebäude in der Forsthausstraße auf und bringt diese zum Abschluss. Das neue Gebäude steht direkt an der Straße: kein Sockel, keine Vorzone oder gar Vorgarten.

Zwar muss das neue Gebäude auf den Einsatz erneuerbarer Energien verzichten – Solarkollektoren scheiterten an denkmalpflegerischen Auflagen, eine Holzpelletsheizung an der eingeschränkten Anfahrbarkeit, andere Lösungen an der Finanzierbarkeit –, konnten ökologische Aspekte im Rahmen des Möglichen berücksichtigt werden. So wurde keine zusätzliche Fläche versiegelt, da das Bauwerk 1:1 auf der Grundfläche des Vorgängerbaus errichtet wurde. Die optimierte Wärmedämmung der Fassade senkt den Energieverbrauch im Vergleich zum Altgebäude deutlich. Und durch die zentrale Lage werden Wegstrecken eingespart, die sich positiv auf die Energiebilanz auswirken – eine der Eigentümerfamilien hat inzwischen auf das Auto verzichtet.