Initiativen

Bauen und Wohnen im Bestand

Tübingen: Quartier Stuttgarter Straße

Ein stigmatisiertes Stadtquartier an der B 27 sollte durch Sanierung und bauliche Ergänzung eine neue Identität gewinnen. Das Konzept hierzu lautete, durch die Mischung unterschiedlicher Wohn- und Eigentumsformen und einen langjährigen Partizipations- und Aktivierungsprozess eine ausgewogenere Bewohnerstruktur zu etablieren.

Zusammenfassung

Das Quartier Stuttgarter Straße wurde nach dem Abzug der französischen Armee in Verbindung mit dem Französischen Viertel und dem Loretto-Areal als Entwicklungsgebiet ausgewiesen, um die unterprivilegierte Tübinger Südstadt aufzuwerten. Nach heftigen Bürgerprotesten in den 1990er Jahren wurde der Prozess erst 2004 wieder aufgenommen. Bei der Aufwertung des Wohngebiets durch Sanierung, Umbau und Nachverdichtung wurde eine sozialverträgliche Durchmischung der Mieterstruktur und die Berücksichtigung der Bürgerinteressen in den Vordergrund gestellt.

Ausgangslage

Mit Abzug der französischen Truppen in den 1990er Jahren bot sich die Chance, die Tübinger Südstadt aufzuwerten und der Knappheit an Wohn- und Gewerbeflächen mittels Neu- und Umbauten zu begegnen. Die Bereiche zwischen dem ehemaligen Hindenburg-Areal (Französisches Viertel) und dem Loretto-Areal wurden als städtebauliches Entwicklungsgebiet ausgewiesen und in verschiedene Teilbereiche aufgeteilt. Bereits Mitte der 90er Jahre sollte mit den Entwicklungen im Gebiet Stuttgarter Straße begonnen werden. Die vorgesehenen starken Nachverdichtungen führten jedoch zu massiven Bewohnerprotesten, die zur Aussetzung des Vorhabens um mehrere Jahre führten. Im zweiten Anlauf Mitte der 2000er sollten die Interessen der Bewohner stärker berücksichtigt werden.

Im Plangebiet befanden sich zum Beginn der Sanierungsmaßnahme 120 Wohnungen, die Wohnraum für etwa 550 Menschen aus 20 Nationen in einfach ausgestalteten, großflächigen Sozialwohnungen boten. Aufgrund der vorrangigen Unterbringung von Flüchtlingsfamilien, Asylbewerbern, Spätaussiedlern oder Personen mit prekären Einkommensverhältnissen sowie aufgrund des vorherrschenden Sanierungsstaus galt das Quartier als sozialer Brennpunkt.

Das Entwicklungskonzept, basierend auf Selbstorganisation und breiter Beteiligung der Bewohner und ihrer Kinder, sollte die Identifikation mit dem Quartier stärken und frühzeitig Konflikte vermeiden. Mit einer Teilprivatisierung sollte erreicht werden, dass die Bewohnerschaft mehr Verantwortung für Gebäude und Freiräume übernimmt. Den ehemaligen Bewohnern des Quartiers wurden während der Sanierung Ersatzwohnungen mit der Zusicherung eines Rückkehrrechtes nach Fertigstellung angeboten. Durch kostengünstige Sanierung sollte der Wohnraum für sie bezahlbar bleiben.

Massnahmen

Die umfassende energetische, bauliche und schallschutztechnische Sanierung der Altbauten führte zu einer deutlichen Steigerung der Wohnqualität im Quartier. Flexible, barrierefreie Grundrisse bieten Wohnraum für Familien, ältere Mitbürger, Alleinerziehende, Singles sowie Studenten. Die bereits bestehenden Wohnhäuser quer zur Stuttgarter Straße wurden in Baugemeinschaften zu individuell angepassten Eigentumswohnungen umgebaut. Entlang der Königsberger Straße wurden Neubauten mit hochwertigen Eigentumswohnungen errichtet. Durch diese Struktur entstanden nah beieinander Wohnungen in ganz verschiedenen Größen, für Mieter und für Eigentümer mit je eigenen Standards und Bedürfnissen. Auf diese Weise konnte eine gute Mischung unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen und Einkommensverhältnisse erreicht werden.

Neubauten schlossen die Blöcke nach Süden ab, definierten nach innen gemeinsame Innenhöfe und erweiterten die Nutz- und Wohnfläche im Viertel. Die bis dato überwiegend als Parkierungsflächen genutzten Innenhöfe wurden neu gestaltet. Den Wohneinheiten im Erdgeschoss wurden Terrassen mit privaten Gartenanteilen zugeordnet, den oberen Geschossen großzügige Balkone sowie den Dachgeschosswohnungen der Pulthäuser hochwertige Dachterrassen.

Die Bestandsgebäude konnten durch die Dämmung der Kellerdecken, Außenwände,obersten Geschossdecken und des Daches sowie durch den Austausch der Fenster und den Einbau kontrollierter Lüftungsanlagen auf einen Energiestandard gehoben werden, der dem EnEV-Neubau-Niveau bzw. dem Energieeffizienzhaus 100 entspricht. Die Erneuerung der gesamten Heizungsanlage ermöglichte den Anschluss an ein mit Kraft-Wärme-Kopplung betriebenes Fernwärmenetz. Zudem erfolgte die Umstellung auf eine energieoptimierte, zentrale Trinkwassererwärmung über die Heizungsanlage.

Zusätzliche Aufzuganlagen sowie Laubengangerschließungen auf den Nord- bzw. Ostfassaden der Bestandsgebäude stellen die barrierefreie Zugänglichkeit sicher. Die zur B 27 angeordnete Lärmschutzwände schützen die Freiräume vor Lärmeinwirkungen und werden als Rückwände für Nebengebäude und Carportanlagen genutzt. Als Ausgleichsmaßnahmen für die zusätzliche Flächenversiegelung der Neubauten wurden ihre Dachflächen mit extensiver Begrünung ausgeführt, während die Bestandsgebäude mit je 135 Photovoltaikmodulen ausgerüstet wurden, die auf einer Kollektorfläche von jeweils 175 Quadratmetern eine Nennleistung von je 22 kWp aufbringt.