Staatspreis Baukultur 2024
© Martin Stollberg

Achert-Schule in Rottweil

Aus der Jury: „Mit einer Vielzahl von kleineren und größeren, überwiegend additiven Maßnahmen […], ist es gelungen, einen angemessenen energetischen Standard zu erreichen, ohne dabei die Qualitäten des Bestands aufgeben zu müssen.“

Preisträger in der Sparte Bauen für Bildung und Forschung

In Rottweil wurde ein Schulbau aus den 1970er Jahren für eine Ganztagssonderschule mit Beratungszentrum und Grundschulförderklassen umgebaut. Das markante zweigeschossige Sichtbeton-Gebäude mit schweren Holzeinbauten war ein typisches Beispiel für den architektonischen „Brutalismus“. Durch die Umbau- und Sanierungsmaßnahmen wurde daraus ein transparenter, kinderfreundlicher Ort.

Die Schule wurde energetisch, haus- und brandschutztechnisch sowie bzgl. Schadstoffen saniert. Ebenso wurden alle Wand-, Decken- und Bodenoberflächen und Fenster erneuert und ein gläserner Aufzugsturm errichtet. Der gereinigte Sichtbeton kontrastiert nun im Innern mit hellen Trennwänden und Akustikdecken, farbigen Fußböden, Treppen und Leuchten sowie industriell wirkenden, rahmenlosen Innenverglasungen und unbehandelten Stahlgeländern.

Eine Vorhangfassade mit hochwärmegedämmter Dreischichtverglasung wurde vor den Sichtbetonaußenwänden errichtet, wodurch die Schule von außen nun leicht und offen wirkt. Durch die verglaste Einhausung des ehemals halboffenen Atriums und des Windfangs im Obergeschoss wurde u. a. ein Mensa- und Aufenthaltsbereich geschaffen, der gemeinsam mit der Nachbarschule genutzt wird. Die Verglasung der halboffenen Bereiche ist auch energetisch begründet. Die Fußböden der ehemals außen liegenden Räume (Mensa und Foyer) haben das bestehende Betonsteinpflaster behalten.

Eine neue Nahwärmezentrale versorgt die Schule und die Nachbarschaft; außerdem gibt es eine dezentrale Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sowie eine PV-Anlage mit Batteriespeicher.


Jury-Bewertung

Wie saniert und ertüchtigt man einen kräftigen, expressiven Sichtbetonbau aus den frühen 70er Jahren energetisch, ohne ihn „in Polystyrol zu hüllen“ und dabei die zweifelsohne vorhandene architektonische Qualität vieler Beispiele aus dieser Zeit zu zerstören? Bei der Achert-Schule in Rottweil, einem einzügigen sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt Lernen ist dies mit unkonventionellen Mitteln gelungen, mit einer Strategie, die vom üblichen Dämmwahn wohltuend abweicht. 

Mit einer Vielzahl von kleineren und größeren, überwiegend additiven Maßnahmen, wie der Einhausung des früheren überdachten Pausenbereichs, die zu einer kompakteren Gebäudegeometrie führt und gleichzeitig zusätzliche Mensa- und Aufenthaltsflächen generiert, sowie dem Austausch von Ausbauelementen wie Fenster, Leichtbauwänden und Installationen, die nach fünfzig Jahren Standzeit auch das Ende ihrer Nutzungszeit erreicht hatten, ist es gelungen, einen angemessenen energetischen Standard zu erreichen, ohne dabei die Qualitäten des Bestands aufgeben zu müssen. Der das Gebäude besonders prägende Sichtbeton konnte dadurch weitestgehend erhalten werden, kontrastiert aber jetzt mit in weiß gehaltenen Innenausbauten, Belägen und farbigem Mobiliar, was dem Gebäude etwas die Schwere der ursprünglichen Fassung nimmt. Besonders unkonventionell ist der Schutz und die Dämmung der Wetterseite mittels einer vorgestellten Isolierverglasung, die in ihrer Erscheinung schwer und leicht miteinander verbindet und dem Gebäude trotz weitgehendem Substanzerhalt einen neuen zeitgemäßen Charakter verleiht.